ALLRAD JA ODER NEIN

Bei der Wahl eines Reisefahrzeuges taucht immer wieder auch die Frage
auf, ob es ein Allradantrieb sein soll oder nicht. Wer kennt sie auch nicht, die
nach Abenteuer schreienden Bilder von Autos die sich durch Matsch oder
Wüstensand wühlen, oder an einem wunderschönen Übernachtungsplatz
stehen, der so weit abseits zu schein scheint, dass man AUF JEDEN FALL ein
Allradfahrzeug haben muss. Der Wunsch und Traum nach einem
Reisefahrzeug mit 4×4 Antrieb, egal ob Bus, LKW oder Geländewagen sind
also nur zu gut nachvollziehbar.
Um euch die Entscheidung für oder gegen ein solches Auto ein bisschen zu
erleichtern, beleuchten wir in diesem Artikel einmal die wesentlichen
Merkmale, die Vor- und Nachteile der unterschiedlichen Konzepte und auch
einige technische Details. Und eines schonmal vorweg: es geht auch ohne!


Was bedeutet Allrad?
Ganz allgemein gesagt, gibt es verschiedene Möglichkeiten, die Kraft des
Motors auf die Straße zu übertragen, also das Auto voranzutreiben: Den
Frontantrieb, den Heckantrieb und eben den Allradantrieb. Front- und
Heckantrieb erklären sich eigentlich von selbst, der Antrieb erfolgt über die
Vorder- oder Hinterachse. Beim Allradantrieb KÖNNEN alle vorhandenen
Räder (außer das Ersatzrad natürlich) angetrieben werden. Man spricht dann
von 4×4, 6×6 oder auch 8×8 Fahrzeugen, je nach Anzahl der Achsen.
Jetzt kann man natürlich denken: je mehr Räder angetrieben werden
können, desto besser ist es doch? Stimmt an sich auch, doch ganz so einfach
ist es dann doch nicht. Man muss nämlich weiterhin noch zwischen
permanentem oder zuschaltbarem Allrad unterscheiden sowie verschiedene
sogenannte „Sperren“ beachten.
Details
Wie oben erwähnt, gibt es noch den Unterschied zwischen permanentem
und zuschaltbarem Allrad. Das bedeutet nichts weiteres, als dass man bei der
ersten Variante den Allrad ständig eingeschaltet hat und das auch nicht
ändern kann. Damit aber eben auch im entscheidenen Moment auch nicht
vergessen. Bei der zweiten Variante hat man einen extra Hebel oder Knopf,
um den Allradantrieb zu aktivieren.
Weiterhin gibt es noch so genannte Sperren. Damit kann man vereinfacht
gesagt dafür sorgen, dass verschiedene Räder starr miteinander verbunden
werden. Als Beispiel: wenn vorne links das Rad keine Traktion mehr hat,
dreht durch das Differential bedingt auch das rechte Rad nicht mehr. Legt
man nun die Mitteldifferentialsperre ein, verbindet man die Hinterachse starr
mit der vorderen und so bekommt das vordere RECHTE Rad wieder einen
Antrieb. Zusätzlich gibt es noch eine Vorder- und Hinterachssperre. Diese
sperren, wie der Name schon sagt, das Differential der jeweiligen Achse und
verbinden so die Räder starr miteinander.


Bei welchen Fahrzeugen kann man Allradantrieb bekommen?
Ein Allradantrieb ist zunächst bei fast allen Fahrzeugen möglich. Ob er
damit auch (wirtschaftlich) sinnvoll ist, ist etwas anderes. Es gibt
beispielsweise die Möglichkeit, sich sein zweiradgetriebenes Auto umrüsten
zu lassen, doch sind die Kosten dafür oftmals sehr hoch. Daher macht es
meistens Sinn, nach einem bereits umgebauten, oder ab Werk als
Allradfahrzeug gebauten Auto zu schauen. Die Fahrzeugart spielt dabei fast
keine Rolle. Ob LKW, Van/Bus, oder PKW. Heute gibt es fast alle
Fahrzeugarten auch mit Allrad, was nicht zuletzt auch dem derzeitigen Trend
zuzurechnen ist.
Sinnvolle Zusatzüberlegungen
Es dürfte sich von selbst verstehen, dass 4×4 an einem Standardwohnmobil
der Marke XY zunächst nicht sehr viel Sinn macht. Warum? Zum einen sorgen
bei diesen Autos der Überhang und auch die grundsätzliche Bauweise
(Leichtbauweise der Möbel usw.) dafür, dass sie eher nicht für das Gelände
gedacht sind. Logisch soweit. Zum Anderen ist besonders die Bodenfreiheit
entscheidend. Egal ob vollintegriertes Luxuswohnmobil oder auch ein
städtetauglicher Van: die Autos haben fast immer eine viel zu geringe
Bodenfreiheit! Das betrifft im Übrigen auch LKW mit Kofferaufbau oder
ähnlichem, oder auch die beliebten Postfahrzeuge. Ohne Höherlegung würde
der Allradantrieb in seiner eigentlich nützlichen Wirkung gleich wieder
verpuffen, wenn der kleinste Felsen oder Graben ein Überfahren unmöglich
macht.
Eine weitere Überlegung zielt auf das Zusatzgewicht. Man darf nicht
vergessen, dass zusätzliche mechanische Teile am Fahrzeug auch zusätzliches
Gewicht bedeuten. Für einen Allradantrieb werden eben zusätzliche Getriebe
und Kardanwellen benötigt. Und mehr Gewicht bedeutet immer auch einen
höheren Verbrauch. Auch der Verschleiß am Antriebsstrang und bei den
Reifen ist bei Allradfahrzeugen immer etwas höher als bei
zweiradgetriebenen Fahrzeugen.


Fragen zur Entscheidungsfindung:
Um sich nun entscheiden zu können, ob man wirklich einen Allradantrieb
braucht oder dieser zumindest ab und an mal Sinn macht, sollte man sich ein
paar Fragen vorher möglichst ernsthaft und ehrlich beantworten:
– Wo fahre ich überhaupt hin? In Europa kommt man fast überall auch
ohne Allrad hin, in Afrika macht er das ein- oder andere Mal durchaus Sinn.
– Wie viel Zeit und damit Möglichkeiten habe ich? Fahre ich nur zweimal
im Jahr für 2 Wochen in den Urlaub, ist die Wahrscheinlichkeit in eine
Situation zu kommen, die Allrad erfordert, eher gering. Es sei denn natürlich,
ich fahre im Urlaub die Rally Breslau oder Superkarpata. Lebe ich aber länger
im Fahrzeug und plane vielleicht sogar eine Weltreise, wird die
Wahrscheinlichkeit einmal festzustecken schon deutlich größer.
– Was bin ich bereit für mein Fahrzeug auszugeben? Sowohl in der
Anschaffung als auch im Unterhalt sind Allradautos immer teurer.
Spritverbrauch, Verschleiß und Wartungsaufwand sind größer als bei
konventionell angetriebenen Autos.
– Kann ich damit umgehen? Es nützt recht wenig, wenn man sonst nur auf
feinsten Asphaltstraßen fährt und so gar keine Affinität zu Wald, Wiese und
Gelände hat. Der Umgang mit den Möglichkeiten des Allrad getriebenen
Fahrzeuges muss erlernt werden, denn wo es mehr Möglichkeiten gibt, gibt es
auch mehr Unfallgefahren!
Das Fahrverhalten, Vor- und Nachteile, was braucht man noch?
Wie weiter oben bereits angemerkt, kommt es auch bei Allradfahrzeugen
ein wenig auf das eigene Fahrkönnen an. Aber auch die weitere Ausstattung
des Fahrzeugs spielen eine große Rolle. Angefangen bei den Reifen, es gibt
Allterrain, Matsch & Schnee, Baustellenprofil, Militärprofil, Sommer- und
Winterreifen und viele weitere Varianten; das Fahrzeuggewicht und die
Verteilung desselben spielen auch eine große Rolle, die Fahrzeughöhe und
damit der Schwerpunkt. Die Bodenfreiheit, die Fahrzeuglänge, die Überhänge
am Fahrzeug vorne und hinten und damit die Böschungswinkel und viele
weitere Faktoren wirken sich auf das Fahrverhalten aus. Deshalb als Tipp: Als
Anfänger bei schwierigerem Gelände immer mit einem weiteren Fahrzeug
fahren. Am Besten mit einem erfahreneren Fahrzeuglenker als man selbst ist,
das bringt Sicherheit und man lernt jede Menge.


Grundsätzliche Unterschiede im Fahrverhalten bei den jeweiligen
Antriebsarten sehen wie folgt aus:
◆ Frontantrieb: leicht zu beherrschen, auf rutschiger Fahrbahn gut
kontrollieren, die Fahrzeuge neigen zum Untersteuern. Sie „schieben“
bei Glätte über die Vorderräder aus der Fahrbahn. Nachteil ist oft, dass
zu wenig Gewicht auf der Vorderachse ist und die Fahrzeuge daher zu
Traktionsproblemen neigen. Will heissen: die Räder drehen leicht durch
und man kommt schon kleinste Steigungen nicht hoch.
◆ Heckantrieb: durch die Neigung zum Übersteuern (das Heck bricht auf
rutschigem Untergrund leicht aus) sind diese Fahrzeuge schon etwas
schwieriger zu beherrschen. Man muss sich an das Fahrverhalten erst
gewöhnen, hat man das aber einmal geschafft, lassen sich die
Möglichkeiten des „ausbrechenden Hecks“ aber auch geschickt nutzen.
In der Regel kommt man mit heckgetriebenen Fahrzeugen deutlich
weiter als mit Frontantrieb, einfach schon deshalb, weil man nicht so
leicht die Haftung verliert.
◆ Allradantrieb: ist eigentlich leicht zu beherrschen, das Fahrzeug bricht
nicht unberechenbar aus oder schiebt über die Vorderachse weg
(zumindest bei permanentem Allrad). Durch die hinzu gewonnenen
Möglichkeiten hat man aber auch gleichzeitig das Problem, dass man
sich in größere Schwierigkeiten manövrieren kann. Und wenn man mit
einem Allradfahrzeug feststeckt, braucht man meist auch ein anderes
Allradfahrzeug, um wieder herauszukommen. Denn „normale“
Fahrzeuge kommen dann nicht mehr an diese Orte. Deshalb ist der
Allradantrieb auch immer mit einer gewissen Vorsicht zu genießen.
Ganz allgemein gesagt sind Allradfahrzeuge aber sehr gutmütig zu
fahren.
Zusammenfassung
Die Frage ob Allrad ein Muss ist oder nicht, lässt sich kaum pauschal
beantworten. Sehr viele Faktoren spielen bei der Entscheidung eine Rolle.
Hauptsächlich das eigene Reiseziel sollte im Vordergrund der Überlegungen
stehen. In Europa, abgesehen von kleinen Ausnahmen wie Albanien oder
Rumänien, ist es kaum möglich, den Allradantrieb wirklich sinnvoll zu
nutzen. Es ist einfach zu dicht besiedelt und mit sehr vielen Verboten belegt.
Wenn ihr Richtung Mongolei fahrt, Südamerika zur Regenzeit oder auch
Afrika euer Ziel ist, dann lohnt es sich schon eher. Auch wenn man deutlich
sagen muss, dass man heute auch ohne Allrad bis etwa Südafrika käme. Um
einige versteckte Plätze oder besondere Ziele zu erforschen, macht es dann
aber durchaus Sinn, auf ein paar Reserven zurückgreifen zu können.
Weiter spielt natürlich der eigene Geldbeutel und das eigene Können eine
große Rolle bei der Entscheidung. Auch wenn es schwierig ist: versucht mit
Vernunft an die Entscheidung zu gehen und nicht bloß einem Trend zu folgen.